
Im Rahmen des Deutschunterricht haben wir uns mit dem Gegensatz von Tradition und Moderne beschäftigt. Dabei haben wir vor allem angeschaut, wie die gesellschaftlichen Werte dargestellt werden und wie sie sich zu der Realität verhalten. Hier hat die Gegenüberstellung von "Schein" und "Sein" eine wichtige Rolle gespielt. Die Tradition verbildlicht das, was zu vorhanden sein scheint. Das dargestellt stellt nicht zwingend die Realität dar. Die Moderne hingegen verbildlicht das, was wirklich vorhanden ist, geschieht oder eben der Realität entspricht. Hier hat insbesondere das Heldenbild im Übergang von Tradition zu Moderne grosse Unterschiede aufgewiesen. Das traditionelle Denken auf gesellschaftlicher Ebene ist stark von idealistischen Werten geprägt. Die Gesellschaft erhält durch Ordnung, Religion, Ehre und Pflicht eine deutliche Struktur. Machtstrukturen wie Monarchie, Militär oder hierarchische Hierarchien werden nicht grundsätzlich in Frage gestellt, sondern als sinnvoll dargestellt. Dadurch entsteht das Bild des Helden: ein Charakter, der diese Werte verkörpert und hervorhebt. Er wird als mutig, moralisch überlegen, loyal und verantwortlich angesehen, sich für eine höhere Sache selbst zu opfern. Der Held erscheint als Vorbild für den Menschen und als Projektionsfläche für gesellschaftliche Ideale auf. Im Gegensatz dazu steht das „Sein“, das vor allem in der Moderne an Bedeutung gewinnt. Anstelle von idealen Vorstellungen richtet sich der Fokus nun auf die tatsächliche Realität, die sich hinter den schönen Fassaden der Gesellschaft verbirgt. Auf der Ebene des Individuums zeigen sich Probleme wie Überforderung, Schuldgefühle, Ohnmacht, Sucht oder Depression. Dieser Wandel wird besonders klar beim Wechsel vom traditionellen Helden zum modernen Antihelden. Der Held handelt im traditionellen Sinne eindeutig richtig, ohne Zweifel. Der Antiheld hingegen ist von innerer Unsicherheit und inneren Konflikten geprägt. Die Moderne stellt nicht mehr das Ideale in den Mittelpunkt.
Diese Beobachtungen führen zu der Frage, warum die moderne Gesellschaft dem makellosen Helden immer weniger Vertrauen schenkt. Das veränderte Menschenbild der Moderne ist ein wichtiger Grund dafür. Heutzutage wird der Mensch nicht mehr als eindeutig gut oder böse angesehen, sondern als widersprüchlich und innerlich zerrissen. Nur selten bestehen menschliche Handlungen aus guten Motiven. Emotionen wie Angst, Schuld, Machtstreben oder Wünsche beeinflussen die Entscheidungen. Ein Held, der keine inneren Konflikte hat, erscheint vielen nicht bewundernswert, sondern unrealistisch. Hinzu kommt ein zunehmender Zweifel gegenüber Macht und Autorität. Die Moderne bietet zahlreiche Beispiele für das Versagen angeblich ehrenhafter Helden. Oftmals traten politische Führer, Militärs oder religiöse Autoritäten mit dem Anspruch auf, moralisch überlegen zu sein, und rechtfertigten damit Gewalt und Unterdrückung. Auch der Wertewandel der Moderne spielt eine wichtige Rolle. Traditionelle Helden folgten klaren Regeln wie Ehre, Pflicht oder Gehorsam. Allerdings existieren in der heutigen Gesellschaft keine allgemein anerkannten moralischen Standards mehr. Die Werte verändern sich von Individuum zu Individuum und sind oft abhängig von der Situation. Ein Held, der für „das Gute“ stehen soll, wirft daher sofort Fragen auf: Was ist gut? Für wen gilt das? An die Stelle des perfekten/makellosen Helden tritt deshalb immer häufiger der Antiheld. Er hat Zweifel, macht Fehler und erleidet Niederlagen. Das ist es gerade, was für viele Menschen seine Glaubwürdigkeit ausmacht. Seine Konflikte sind vergleichbar mit den Erfahrungen von Menschen heutiger Zeit, die ebenfalls innere Konflikte erleben müssen. Der Antiheld stellt kein klassisches Vorbild oder einen makellosen Helden dar, sondern ist eine Figur, mit der man sich identifizieren kann. Der Vertrauensverlust gegenüber dem makellosen Helden bedeutet jedoch nicht, dass die moderne Gesellschaft keine Vorbilder mehr braucht. Sie sucht vielmehr andere Formen von Helden: Menschen, die Verantwortung übernehmen, ohne sich als perfekt darzustellen oder Menschen, die Fehler zugeben können, ohne aufzugeben. Der moderne Held ist nicht makellos doch genau darin liegt seine Glaubwürdigkeit.